Auf den Spuren Śrīla Prabhupādas in Hamburg

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Auf den Spuren Śrīla Prabhupādas in Hamburg

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Auf den Spuren Śrīla Prabhupādas in Hamburg

Besuch der Originalschauplätze bei ISKCON-Jubiläumsveranstaltung
von Paramshreya Das

Es dauerte einige Jahrzehnte, bis ich verstanden habe, in welcher besonderen Gegend Hamburgs ich als Kind aufwuchs. Mein Kindergarten war im Eppendorfer Weg, ich hatte Freunde, die hinter dem Hochhaus am Doormannsweg wohnten und auf dem Teich des Unna-Parks lief ich im Winter Schlittschuh. Wer hätte das gedacht – alle diese Orte waren einige Jahre zuvor Original-Schauplätze, an denen sich His Divine Grace A.C. Bhaktivedanta Swami Prabhupāda, der Gründer-Acharya der Internationalen Gesellschaft für Krishna-Bewusstsein (ISKCON), vom 25. August bis 11. September 1969 persönlich aufgehalten hat. Drei Jahre vor meiner Geburt, betrat Śrīla Prabhupāda das erste Mal europäischen Boden und wandelte in meinem Hamburger Wohnviertel!

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Der ISKCON-Gründer wollte ursprünglich zuerst nach London reisen, um dort seine Schüler zu treffen (und auch die Beatles). Doch weil die Gottgeweihten in London immer noch mit Renovierungsarbeiten ihrer Tempeleröffnung beschäftigt waren, folgte Prabhupāda der Einladung aus Hamburg und reiste anschließend weiter nach London. Somit findet man in Hamburg Śrīla Prabhupādas ersten europäischen Fußabdruck. Sein damals 22jähriger Schüler Śivānanda Dāsa war bereits einige Monate zuvor aus Amerika nach Deutschland gekommen, nicht nur, um dem Vietnamkrieg auszuweichen, sondern vorwiegend, um die gerade frisch geborene Hare-Krishna-Bewegung (Gründungstag 13. Juli 1966) auf dem europäischen Kontinent bekanntzumachen.

Als Śrīla Prabhupāda von Śivānandas Idee erfuhr, nach Deutschland zu reisen, um ein ISKCON-Zentrum zu eröffnen, hatte er zunächst Bedenken. Er meinte, sein Schüler wäre für dieses Wagnis noch etwas zu jung. Doch Śivānanda ließ sich von seiner Idee nicht abbringen. Er war bereits ein Jahr zuvor nach Europa gereist und hatte per Anhalter viele Kontakte geknüpft und Unterschlupf in Hippie-Kommunen gefunden. Er hatte einen ziemlich klaren Plan, wie er sein Unternehmen beginnen wollte und so gab Śrīla Prabhupāda ihm schließlich seinen Segen.

Śivānanda erzählte, wie sich Śrīla Prabhupāda mit folgenden Worten bei ihm verabschiedete: “Sei vorsichtig! Denk dran, ich war bereits ein alter Kalkutta-Boy als ich nach New York kam! Nicht ein einziges Mal habe ich mich über den Tisch ziehen lassen!”

Über den Ausdruck “alter Kalkutta-Boy” musste ich schmunzeln. Ins Deutsche übersetzt würde ein alter Kalkutta-Boy also jemanden bezeichnen, der, weil er in Kalkutta aufgewachsen ist, alle Tricks kennt, ein alter Fuchs sozusagen.

Praktisch ohne Geld begann Śivānanda zuerst in Berlin und dann in Hamburg seine ersten Gehversuche. Dabei lebte er in alternativen Wohngemeinschaften, teilweise in Häusern mit schweren Bombenschäden noch aus dem Zweiten Weltkrieg. “Ich kochte das Mittagessen in einer Küche, wo an einer Seite ein großes Tuch hing. Zog man dieses Tuch zur Seite, stellte man fest, dass eine ganze Häuserwand fehlte.”

Tagsüber stellte sich Śivānanda in irgendeine Einkaufsstraße oder in einen Park und sang mit Zimbeln begleitet den Hare-Krishna-Song. Und tatsächlich näherten sich auch schon kurze Zeit später die ersten neugierigen jungen Leute, darunter auch ein 19jähriger Stefan Kess. Dieser junge Deutsche sollte schon ein paar Monate später von Śrīla Prabhupāda als erster deutscher Schüler den Namen Suchandra Dāsa erhalten. Heute ist er in der ISKCON weltweit als His Holiness Bhaktibhusana Swami bekannt.

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Doch zurück in die Gegenwart, ins Jahr 2016, das 50. Gründungsjahr der Internationalen Gesellschaft für Krishna-Bewusstsein. Zum Anlass dieses Jubiläums kamen die beiden Leiter des heutigen Hamburger ISKCON-Zentrums Jayagaura Dāsa und Vaidyanāth Dāsa auf die Idee, diese ersten beiden ISKCON-Prediger, nämlich Śivānanda und His Holiness Bhaktibhusana Swami, nach Hamburg einzuladen, um mit ihnen zusammen die alten Schauplätze aus dem Jahre 1969 zu besichtigen. Und dieser Plan wurde nun am 17. Juli 2016 auch tatsächlich realisiert! So wurden alle Freunde der ISKCON zu einem öffentlichen Spaziergang eingeladen, eine Art Pilgerreise durch Hamburg-Eimsbüttel. Wir trafen uns um 11 Uhr vormittags vor dem Eingang des damaligen ersten ISKCON-Zentrums am Eppendorfer Weg, Nummer 11. Es ist eine unscheinbare Ladenfront, die von 1969 bis 1970 als erster kontinental-europäischer Hare-Krishna-Tempel gedient hatte. Die Unterbringungsmöglichkeiten dieser Ladenwohnung waren so dürftig, dass man für Śrīla Prabhupādas Besuch ein eigenes Apartment in einem naheliegenden Hochhaus am Doormannsweg 22 gemietet hatte. Mit der Begleitung eines Kirtans (das berühmte Singen der Hare-Krishna-Leute) brachen wir zu Fuß zu diesem Hochhaus auf, etwa drei Wohnblocks entfernt, dieselbe Strecke, die auch Śrīla Prabhupāda damals mehrere Male zu Fuß zurückgelegt hatte. Mit einem Fahrstuhl fuhren wir in den 15. Stock und standen für ein paar Minuten andächtig vor einer Wohnungstür, während Śivānanda und His Holiness Bhaktibhusana Swami uns von ihren Erinnerungen erzählten. Śrīla Prabhupāda verehrte in dieser Wohnung seine Rādhā-Krishna-Altargestalten und sang leise liebliche Kirtans. Die damals noch völlig unerfahrenen Gottgeweihten versuchten sich an einer vedischen Feuer-Zeremonie, mit der Folge, dass die gesamte Wohnungsdecke mit Ruß geschwärzt wurde. Darüber hinaus brachte Śivānanda, der sich als Koch zur Verfügung stellte, eine unglückliche Mischung aus heißem Öl, Wasser und Gewürzen zum Explodieren, so dass auch die kleine Küche am Ende nicht mehr wiederzuerkennen war. Nach Śrīla Prabhupādas Auszug musste die Wohnung von den Gottgeweihten komplett renoviert werden.

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Anschließend wanderten wir zum kleinen, 500 Meter weit entfernten Unna-Park, den Śrīla Prabhupāda gelegentlich bei einem Morgenspaziergang besucht hatte. Dabei muss man die große Kreuzung des Doormannsweg überqueren, eine der größten Kreuzungen der Stadt. Ich erinnere mich, dass mir als Kind verboten wurde, diese vielbefahrenen Kreuzung ohne Begleitung eines Erwachsenen zu überqueren. Als ich etwas älter war, wurde mir gesagt, dass ich nur bei grüner Ampel diese gefährliche Straße passieren durfte. Und nun hörte ich folgende Geschichte.

 Śivānanda Dāsa: “Wir brachen früh am Morgen auf, um den Unna-Park für einen Spaziergang zu besuchen. Dabei mussten wir über den Doormannsweg. Bevor Prabhupāda nach Hamburg kam, lief ich manchmal über die rote Ampel, wenn gerade keine Autos kamen. Doch als ich nun mit meinem spirituellen Meister an dieser Ampel stand, hielt ich dies für nicht besonders angemessen. Diszipliniert blieb ich am Straßenrand stehen, um auf das grüne Licht zu warten. Doch so früh an einem Sonntagmorgen gab es praktisch gar keinen Verkehr. Weder Menschen noch Autos waren weit und breit zu sehen. Zu meiner Überraschung schaute Śrīla Prabhupāda kurz nach links und rechts, und schwupp, begann er zügig über die rote Ampel zu gehen. Dabei sagte er kurz, dass es keinen Sinn macht, vor einer roten Ampel zu stehen, wenn überhaupt keine Autos fahren.”

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Diese Geschichte macht jetzt vielleicht einige Menschen stutzig. War Śrīla Prabhupāda etwa jemand, der bewusst gegen Gesetze verstieß? Nein, das war er gewiss nicht, sondern stets jemand, der für Recht und Ordnung einstand und einem hohen moralischen Kodex folgte. Auf der anderen Seite war Śrīla Prabhupāda aber auch jemand, der mit Regeln brechen konnte, wenn sie keinen Sinn (mehr) ergaben. Ich denke, jeder Mensch hat eine solche Situation schon einmal selbst erlebt. Śrīla Prabhupāda sagte einmal, die Maschinen sollen dem Menschen dienen und nicht umgekehrt. Auch stimmte sein Verhalten mit den Richtlinien der Vaishnava-Schrift Upadeśāmṛta (Nektar der Unterweisung) überein, wo es heißt “niyamāgrahaḥ … bhaktir vinaśyati” – man solle keine Regeln nur um des Befolgens willen einhalten, sondern den Sinn dahinter verstehen, andernfalls kann der Hingebungsvolle Dienst Schaden nehmen (Nektar der Unterweisung, Vers 2). Darüber hinaus sollte man bedenken, dass Śrīla Prabhupāda aus dem indischen Kulturkreis kam, wo das Stehenbleiben an Ampeln nicht denselben Stellenwert hat wie in Deutschland.

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Aber zurück zum Spaziergang. Im Unna-Park angekommen, gingen wir gleich links neben dem Eingang zu einer Parkbank – mit der eine ganz besondere Geschichte verbunden ist: Śivānanda erzählte, dass Śrīla Prabhupāda an jenem Morgen bemerkte, dass sein Schüler sehr müde wirkte und so schlug er vor, eine kurze Verschnaufpause auf dieser Bank einzulegen. Erschöpft ließ sich Śivānanda fast schon in einer Liegestellung auf die Bank fallen. Doch schon nach wenigen Sekunden stellte er fest, wie der an Jahren mehr als dreimal so alte Śrīla Prabhupāda mit kerzengeradem Rücken neben ihn auf der Bank saß und dabei nicht einmal die Rückenlehne berührte. “Für einen kurzen Moment dachte ich, dies könne ja wohl nicht wahr sein. Śrīla Prabhupāda sah aus wie ein Aristokrat, ich dagegen wie ein schlaffer Lappen. Ich schaute ihn an und er schaute mich an. Sein durchdringender Blick war zu viel für mich und so gab ich mir einen Ruck und setzte mich genauso wie Śrīla Prabhupāda mit geraden Rücken aufrecht, ohne die Lehne zu berühren. Prabhupāda bestätigte meine Bemühung zufrieden mit einem Nicken und stand dann auch schon gleich wieder auf, ganz nach dem Motto, wer so gerade sitzen kann, der kann eigentlich auch weiter laufen.”

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Als letzte Station unseres Parikramas (so nennt man einen Pilgerrundgang in der Sanskritsprache) gingen wir – oder besser gesagt, tanzten wir begleitet mit Kirtan-Musik – zur “Kinderstube Altona” in die Bartelstraße 65. Die Räumlichkeiten dieses Kindergartens dienten damals zwischen 1970 und 1973 als zweiter deutscher ISKCON-Tempel. Viele bekannte Gottgeweihte sind in dieser Zeit der Hare-Krishna-Bewegung beigetreten, wie z.B. His Holiness Śacinandana Swami, His Holiness Bhaktivaibhava Swami und His Holiness Krishna Kshetra Swami. Vor dem Eingang blieb unsere Gruppe stehen, um den alten Erinnerungen zu lauschen. Mit auf unserem Spaziergang waren auch Surabhi Dāsi aus Australien und Madana-Mohana-Mohini Dāsi aus den USA, die Frau von Śivānanda. Sie gehörten ebenfalls zur alten Garde der frühen deutschen Hare-Krishna-Bewegung. Surabhi Dāsi erzählte uns, dass es für den gesamten Tempelbetrieb nur ein einziges kleines Waschbecken gab, und das auch nur mit kaltem Wasser. Morgens diente diese Wasserquelle zur Körperreinigung und Morgentoilette aller Tempelbewohner, danach diente sie zur Altarverehrung und am Mittag wurde das Waschbecken zur Vorbereitung des Mittagessens genutzt. Surabhi erinnerte sich daran, dass es ihre Aufgabe gewesen war, dieses Becken nach jedem Zweckgebrauch gründlich zu reinigen.

Abgerundet wurde dieses Wochenende mit dem Hamburger Sonntagsfest im ISKCON-Zentrum am Krummholzberg (Hamburg-Harburg). Das Highlight war der Vortrag von His Holiness Bhaktibhusana Swami.

Weitere Anekdoten aus der deutschen Pionierzeit der ISKCON findet man in dem Buch Śrīla Prabhupāda and his Disciples in Germany von Vedavyāsa Dāsa.

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